Sozial bewegt im Social Web

Wie steht es um die Nutzung von Social Media in gemeinnützigen Organisationen? Diese Frage stellt das Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) derzeit im Rahmen der Blogparade „Social Media für die Bürgergesellschaft“. Dieser Artikel zeigt, wie sich die Caritas in soziale Medien einbringt, welche Chancen sich ihr bieten und weshalb der Verband mehr zu einer sozialen Bewegung werden muss.

Am Ende waren es 728 Stimmen, die die Caritas für ihren Vorschlag beim Online-Voting im Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin gesammelt hat. Dabei war die „Abschaffung der Praxisgebühr für arme Menschen“ in der Sache sicher für viel mehr Personen anschlussfähig. Unter den Top 3 – und damit auf dem Schreibtisch der Kanzlerin – landete die Forderung nach der Legalisierung von Cannabis für Erwachsene. 152.056 Mal wurde dafür geklickt.

Wäre der Präsident des Deutschen Caritasverbandes Trainer einer Fußballmannschaft, würde er das eigene Ergebnis vermutlich so erklären: „Wir konnten in diesem Spiel leider nicht unsere volle Leistungsfähigkeit abrufen.“ Damit läge er richtig, denn immerhin arbeiten rund eine Million Menschen ehrenamtlich oder beruflich in den Mitgliedsorganisationen des Verbandes. Dass diese nicht zum Abstimmen verpflichtet werden, versteht sich von selbst. Es ist aber davon auszugehen, dass die meisten die Caritas-Forderung inhaltlich unterstützen. Schließlich basiert diese auf Erfahrungen, die Caritas-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter täglich im Austausch und in der Beratung mit Menschen am Rand unserer Gesellschaft machen.

Caritas als Teil sozialer Bewegungen

Was also anfangen mit dieser enttäuschenden Erfahrung von Bürgerdemokratie über soziale Medien? Auf die Kanzlerin hoffen, dass sie das Kiffen erlaubt und sich die Welt schön rauchen? Auf die „Diktatur der Doofen“ schimpfen, die wichtige Themen möglicherweise von der politischen Agenda verdrängt? Nur darauf setzen, dass die Caritas bei den Verantwortlichen in Berlin und anderswo immer noch als verlässlicher und fachlich versierter Fürsprecher von Menschen in prekären Lebenslagen wahrgenommen wird?

So verständlich diese Reaktionen wären, sie sind weit entfernt von Auftrag und Anspruch der Caritas. Der Verband versteht sich nicht nur als Anbieter sozialer Dienstleistungen oder als Anwalt für eine solidarische Gesellschaft, sondern auch als Teil der sozialen Bewegungen [vgl. Leitbild des Deutschen Caritasverbandes, III. Organisationsprofil, Nr. 21 ]. Um dem gerecht zu werden, muss die Caritas in der Bürgergesellschaft aktiv und präsent sein. Das gilt vor Ort, wo sich Caritasvertreter an Bürgerplattformen beteiligen, in sozialraumorientierten Projekten auf die Eigeninitiative und Selbsthilfe der Bevölkerung setzen oder die Freiwilligenzentren des Verbandes mit unterschiedlichen Partnern kooperieren. Und es gilt für das Internet, in dem soziale Medien und soziale Netzwerke neue Formen der Beteiligung und des Dialogs möglich machen.

Offen sein für neue Formen der Beteiligung übers Web

Hier hat der Verband noch Nachholbedarf. In einem Artikel für das 2012er-Jahrbuch der Zeitschrift neue caritas bringt es der Leiter des Berliner Büros des Deutschen Caritasverbandes auf den Punkt. Unter dem Titel „Die Caritas muss mehr Zivilgesellschaft wagen“ schreibt Mario Junglas:

„Die Caritas braucht mehr Handlungs- und Kommunikationsformen, als sie bisher nutzt […] um eine stärkere Beteiligung sowohl von Betroffenen als auch von Unterstützern zu ermöglichen – zugunsten der unter Armut und Ausgrenzung leidenden Menschen.“[1]

Diese Aufgabe als zivilgesellschaftlicher Akteur schreibt auch Dr. Brigitte Reiser in ihrem Beitrag zur Blogparade den gemeinnützigen Organisationen zu: „Dazu gehört auch, dass sie ihre Arbeit für und mit den Stakeholdern um eine digitale Dimension erweitert und jene mitnimmt, die bisher von den Online-Beteiligungsmöglichkeiten ausgeschlossen sind.“

Plattformen bieten für Menschen am Rand der Gesellschaft

Wie so etwas gelingen kann, zeigte die Caritas bereits im Jahr 2009 mit ihrem Weblog „Mitten am Rand“. Ein Jahr lang bot der Verband Menschen eine Plattform, die sonst nicht gehört werden. Alkoholabhängige, Menschen mit psychischen Problemen und Hartz-IV-Empfänger berichteten aus ihrem Leben. Über das Medium kamen Menschen miteinander in Kontakt, die sich im Alltag selten begegnen. Die Authentizität, Offenheit und Ehrlichkeit der Texte bewegte – was sich in mehr als 350 Kommentaren widerspiegelte und die Autorinnen und Autoren stärkte. Die Verkäuferin von Straßenzeitungen stellte fest,

„dass durch diese Caritas Aktion auch Netze gespannt werden, Netze der Verbundenheit, des Mitgefühls, Freundschaften und weiteres. Ein Anfang, ein Stein der ins Rollen kommt, Bewegungen in vielen Richtungen …“

Ein ehemaliger Junkie fasste es für sich so zusammen:

„Teilnahme ist eine Sache, die man auch alleine machen kann. Teilhabe aber setzt ein Gegenüber voraus. Also vielen Dank dafür, dass Sie mir hier eine Teilhabe ermöglicht haben.“

Herausforderung für die institutionalisierte Caritas

Dieses Projekt zeigt, wie Aufbau und Strukturen des Verbandes hinten angestellt werden können, um anschlussfähig zu bleiben für Leute, die punktuell ihr Know-how einbringen wollen ohne die Hürde einer Mitgliedschaft nehmen zu müssen.

„So kann die Caritas nicht nur Solidaritätsstifter, sondern selbst solidarisch sein“, schreibt Mario Junglas in seinem Artikel und ergänzt, „die Caritas [braucht] Elemente der sozialen Bewegung als Korrektiv. Sie braucht offene Kooperationsformen, über die zum Beispiel kritisch-wohlwollende Partner die ‚institutionalisierte‘ Caritas herausfordern können“.

Jona Hölderle rät gemeinnützigen Organisationen in seinem Beitrag zur Blogparade „die eigenen Strukturen zu öffnen und zwischen Interesse und Mitgliedschaft viele kleine Schritte der Beteiligung zu schaffen“.

Schwarmintelligenz nutzen für Social Media Guidelines

Dass der Verband von so einer Öffnung profitiert, zeigt die Erarbeitung der Social Media Guidelines der Caritas. Diese wurden im Frühjahr 2011 nicht hinter verschlossenen Türen entwickelt, sondern in der Entwurffassung online zur Diskussion gestellt. Ein Novum für ein offizielles Papier des Deutschen Caritasverbandes. Mehr als 50 Rückmeldungen gab es – auch von Personen, die sonst keine Berührungspunkte mit der Caritas haben, aber Experten auf dem Gebiet Social Media sind. In der Webwelt wurde dieses transparente und partizipativ ausgelegte Verfahren positiv bewertet.

Ein Knoten im Netz sozial interessierter Menschen

Die Social Media Leitlinien wurden aufgrund der Rückmeldungen an einigen Stellen verändert. So wird es auch dem Verband gehen, wenn er nach und nach die strategische Ausrichtung des Papiers umsetzt, das den Titel trägt „Das Soziale ins Netz bringen“. Partizipation, Teilhabe und Transparenz sind zentrale Anliegen der Caritas und integraler Bestandteil sozialer Medien. In seinem Beitrag zur Blogparade formuliert Martin Horstmann das so:

„Die entscheidende Frage für diakonische Einrichtungen und Werke ist daher auch nicht, ob sie eine facebook-Seite (oder was auch immer) vorweisen können, sondern ob sie verstanden haben, was social media im Kern bedeutet. Und was dies mit ihrem Auftrag, ihrem Selbstverständnis zu tun hat.“

In ihren Social Media Leitlinien formuliert die Caritas, dass sie ein Knoten im Netz vieler Menschen werden möchte, die an sozialen Themen interessiert sind. Dazu muss sie sich stärker verbinden mit anderen sozialen Playern und offen sein für Impulse von Menschen, die sich (auch mal kritisch) mit den Ideen und Positionen der Caritas auseinandersetzen. Die Aktionsplattformen der Young Caritas in Österreich, Luxemburg, Südtirol und der Schweiz zeigen, wie das gehen kann und sind Vorbild für die deutsche Caritas. Wenn diese darüber hinaus ihre Ehrenamtlichen, Freiwilligen sowie die beruflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermutigt, Teil der digitalen sozialen Bewegung zu werden, leistet sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Bürgergesellschaft – und sie wird mit einem besseren Ergebnis aus dem nächsten politischen Beteiligungsdialog herauskommen.


[1] Junglas, Mario: Die Caritas muss mehr Zivilgesellschaft wagen. In: neue caritas Jahrbuch 2012, S. 77-82

Marc Boos | 20. April 2012

7 Antworten auf Sozial bewegt im Social Web

  1. Manuela sagt:

    Endlich ist Social Media auch dort angekommen, wo es um wichtige Entscheidungen und Veränderungen geht. Dass mit einer Facebook Seite und ein paar „likes“ noch nicht getan ist liegt auf der Hand. Eine Hürde ist zwar genommen worden, der Aufbau von neuen Kommunikationsstrukturen steckt aber noch in den Kinderschuhen. Ich jedenfalls wünsche Caritas und Co, dass sie dieses Larvenstadium schnell überwinden. Wer weiß, vielleicht sehen dann auch bald die Kritiker von Social Media, dass die Sache doch nicht so einseitig ist. Durch die richtige Benutzung können die richtigen Mittel eben auch Wunder bewirken. Hoffen wir jedenfalls.

  2. [MARKED AS SPAM BY ANTISPAM BEE]
    Typisch an einer sozialen Bewegung ist, dass zunächst sehr offene informelle Organisationsformen vorherrschen. Im Allgemeinen beginnen bald nach dem Entstehen einer Bewegung die Menschen damit, Strukturen zu schaffen ( Vereine , Initiativen , u. ä.) Im weiteren Verlauf geschieht es oft, dass die Bewegung an Bedeutung verliert oder als nicht mehr relevant wahrgenommen wird, während Strukturen und Formen, die sich daraus entwickelt haben, weiter existieren und wirken. Oftmals wird dies als Tod einer Bewegung und Aufgabe der ursprünglichen Ziele verstanden. In diesem Zusammenhang wird an einigen Stellen auf die Notwendigkeit von Visionen und Träumen einer sozialen Bewegung als deren Beweggrund und antreibende Kraft hingewiesen.

  3. Larry Harris sagt:

    Seit 2002/2003 formiert sich in Deutschland und anderen Staaten der Europäischen Union zunehmend eine Bewegung gegen Sozialabbau. In dieser Bewegung treten Gruppen und Organisationen der Neuen Sozialen Bewegungen wie beispielsweise Attac zusammen mit den Verbänden der traditionellen sozialen Bewegungen wie linkssozialistischen und kommunistischen Parteien sowie Gewerkschaften auf. Sie protestieren gegen die Auswirkungen des Neoliberalismus und der wirtschaftlichen Globalisierung auch in den europäischen Industriestaaten.

  4. Clemens P. sagt:

    Ich kann mich Andreas Meinung nur anschließen. Vielleicht sind die Entscheidungsträger einfach noch im alten System „gefangen“ und müssen sich noch für neue Möglichkeiten öffnen, die ihnen sicherlich mit dem Social Web gegeben sind.

  5. Pingback: Social Media-Kultur und Nonprofits: Warum die kulturelle Krise eine Chance ist - anerkennung-sozial.de

  6. Martin sagt:

    Das ist ein sehr interessantes Beispiel mit den 728 zu 152.056 Stimmen! Zwei mögliche Erklärungen (neben wahrscheinlich noch vielen weiteren) kommen mir in den Sinn: Ich vermute (belegen kann ich das natürlich nicht), dass sich hier der Unterschied zwischen Einsatz für die Interessen anderer und der Einsatz für eigenen Interessen erkennen lässt. Und zum zweiten, du hast es in deinem Beitrag indirekt angedeutet, zeigt sich hier, dass es anscheinend bestimmte Szenen gibt, die sich stärker digital einbringen als andere. An genau diese beiden Schwierigkeiten müssen Verbände wie Caritas und Diakonie viel stärker ansetzen. Wir stehen hier ja auch erst am Anfang, sowohl was grundsätzlich Beteiligung als auch digitale Beteiligung angeht. Deshalb ist das Ergebnis von 728 Stimmern natürlich bedauerlich, aber das ist noch nicht das letzte Wort beim Thema (digitaler) Beteiligung. Denn Fußballtrainer wissen ja auch: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

  7. Andreas Meiwes sagt:

    Die Social Media Guidelines sind online entstanden, weil Sie ja für diesen Bereich gemacht sind. Viele, ich behaupte die meisten, Entscheider im Bereich der Caritas sind aber online garnicht unterwegs. Daher müssen wir die sozusagen „analoge“ Diskussion darüber im Caritasverband erst noch führen. Denn, solange Entscheidungsträger und Mitarbeiter die Guidelines noch garnicht kennen, geschweige denn anwenden, können wir auch nicht online kampagnenfähig sein.
    Dabei stellen Facebook und Co. in Sachen Resonanz eine große Chance dar, wenn es gelingt die Caritas-affinen Personen zu aktivieren. Viele kleine Initativen schaffen es doch irgendwie mit relativ geringen Mitteln große Wirkung zu entfalten. Irgendwas macht die doch richtig.

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